Prävention

Evidenzbasierung in der Prävention und Gesundheitsförderung: Kommunikative Herausforderungen und Lösungsansätze

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Inhaltsverzeichnis
  1. Bedeutung der Evidenzbasierung
  2. Kommunikative Herausforderungen der Evidenzbasierung
  3. Das Kommunikationsquadrat nach Schulz von Thun
  4. Lösungsansätze zur Kommunikation über Evidenzbasierung
  5. Einordnung in die Implementationsforschung
  6. Praktische Umsetzung der Lösungsansätze
  7. Schlussfolgerungen
  8. Literaturverzeichnis

Die Evidenzbasierung von Maßnahmen der Prävention und Gesundheitsförderung ist von zentraler Bedeutung für deren Wirksamkeit, Effizienz und nachhaltige Etablierung im Gesundheitssystem. Gleichzeitig stellt die Kommunikation über evidenzbasierte Ansätze eine erhebliche Herausforderung dar. Dieser Artikel beleuchtet die Bedeutung der Evidenzbasierung, erklärt kommunikative Herausforderungen basierend auf dem Kommunikationsmodell von Schulz von Thun und zeigt Lösungsansätze auf.

Bedeutung der Evidenzbasierung

Die Evidenzbasierung in Prävention und Gesundheitsförderung ist wesentlich für:

  1. Wirksamkeit: Nachweislich positive gesundheitliche Effekte
  2. Effizienz: Priorisierung der wirksamsten Interventionen bei begrenzten Ressourcen
  3. Ethische Verantwortung: Einsatz von Maßnahmen mit belegtem Nutzen und ohne Schaden
  4. Legitimation: Rechtfertigung des Einsatzes öffentlicher Mittel
  5. Qualitätssicherung: Kontinuierliche Verbesserung durch systematische Evaluation

Allerdings zeigt sich in der Praxis, dass viele Interventionen nicht oder nur unzureichend evidenzbasiert sind. Häufig werden Maßnahmen ohne Bezug zum aktuellen Forschungsstand entwickelt und umgesetzt; Evaluationen beschränken sich oft auf die Prozessebene, ohne belastbare Aussagen zur Wirksamkeit zu ermöglichen (De Bock, Dietrich & Rehfuess, 2021). Diese Lücke zwischen Forschungsstand und Praxis ist international gut beschrieben: Selbst bei zentral geförderten Implementationsinitiativen scheitert die Verstetigung evidenzbasierter Programme regelmäßig an organisationalen Voraussetzungen, Ressourcenfragen und der Kommunikation mit Schlüsselakteuren (Cooper, Bumbarger & Moore, 2015).

Kommunikative Herausforderungen der Evidenzbasierung

Trotz der Bedeutung von Evidenzbasierung gibt es verschiedene kommunikative Hürden bei deren Umsetzung. Eine systematische Erhebung in einem öffentlichen Versorgungssystem zeigt, dass Praktiker und Entscheidungsträger Faktoren der Implementation in ihrer Bedeutung deutlich unterschiedlich gewichten – Praktiker stufen klinische Auswirkungen höher ein, während Verwaltungsebenen Finanzierungsfragen priorisieren (Aarons & Green, 2011). Die folgende Aufstellung fasst typische Hürden in zwei Akteursgruppen zusammen:

Fachkräfte

  • Verständnisprobleme bei wissenschaftlichen Begründungen
  • Wahrnehmung von Studiendesigns als praxisfern
  • Überbewertung persönlicher Erfahrungen
  • Sorge vor Einschränkung des professionellen Handlungsspielraums (Pas & Bradshaw, 2015)

(Indirekte) Zielgruppen (z.B. Eltern)

  • Oftmals geringe Einbindung in und Erläuterung von Entscheidungsprozessen
  • Skepsis gegenüber „Experten" und deren Eingriffen
  • Sorge um unerwünschte Effekte von Interventionen
  • Datenschutzbedenken

Ein zentrales Hindernis ist die mangelnde Klarheit in der Kommunikation zwischen verschiedenen Akteuren. Wissenschaftler, Praktiker und politische Entscheidungsträger (einschließlich der Adressaten von Maßnahmen) haben oft unterschiedliche Schwerpunkte und „Sprachen", was zu Missverständnissen und Konflikten führen kann (Aarons & Green, 2011).

Zudem können „Beziehungsfallen" entstehen, bei denen die Sachebene von der Beziehungsebene überlagert wird. Dies kann dazu führen, dass Empfehlungen aus persönlichen statt inhaltlichen Gründen abgelehnt oder angenommen werden.

Das Kommunikationsquadrat nach Schulz von Thun

Friedemann Schulz von Thun entwickelte das „Kommunikationsquadrat", das die Vielschichtigkeit zwischenmenschlicher Kommunikation verdeutlicht (Schulz von Thun, 2019). Demnach enthält jede Nachricht vier Aspekte:

Aspekt Beschreibung
Sachinhalt Die konkrete Information
Selbstoffenbarung Was der Sender über sich preisgibt
Beziehung Wie der Sender zum Empfänger steht
Appell Was der Sender beim Empfänger erreichen möchte

Dieses Modell hilft zu verstehen, warum Kommunikation über evidenzbasierte Ansätze oft komplex ist und auf verschiedenen Ebenen Herausforderungen mit sich bringt.

Lösungsansätze zur Kommunikation über Evidenzbasierung

Um diese Herausforderungen zu adressieren, können folgende kommunikative Strategien hilfreich sein:

Ebene Lösungsansätze
Sachebene Verständliche Aufbereitung wissenschaftlicher Erkenntnisse; Aufzeigen konkreter Anwendungsfälle; Transparenz bezüglich Grenzen und Unsicherheiten
Selbstoffenbarungsebene Teilen eigener Erfahrungen; Signalisieren von Lernbereitschaft; Anerkennung für Praxiswissen
Beziehungsebene Einbeziehung aller Beteiligten in Entscheidungen; kontinuierlicher Dialog und Ansprechbarkeit; Empathie für Sorgen und Vorbehalte
Appellebene Verdeutlichung der Vorteile evidenzbasierter Ansätze; Aufzeigen konkreter Umsetzungsschritte; Betonung positiver Veränderungspotenziale

Basierend auf Schulz von Thuns (2019) Kommunikationsmodell lassen sich weitere Lösungsansätze ableiten:

  1. Klare Kommunikation auf allen vier Ebenen
  2. Aktives Zuhören und Perspektivübernahme
  3. Metakommunikation zur Klärung von Konflikten
  4. Bewusste Gestaltung der Beziehungsebene
  5. Authentische Kommunikation, auch über Unsicherheiten

Einordnung in die Implementationsforschung

Das Quadrat von Schulz von Thun bietet einen niedrigschwelligen Rahmen, ist aber zunächst ein psychologisches Modell zwischenmenschlicher Verständigung. Für die Frage, wie evidenzbasierte Prävention in komplexen Versorgungs- und Bildungssystemen tatsächlich Fuß fasst, hat sich in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten die Implementationsforschung als ergänzender Bezugsrahmen etabliert. Zwei Modelle sind besonders einschlägig:

  • Das Consolidated Framework for Implementation Research (CFIR) ordnet Implementationsbedingungen fünf Domänen zu: Eigenschaften der Intervention, äußerer Kontext (z.B. Politik, Finanzierung), innerer Kontext (Organisationskultur, Ressourcen), beteiligte Personen und der Implementationsprozess selbst. Kommunikation ist hier kein Anhängsel, sondern ein konstitutiver Prozess-Faktor (Damschroder et al., 2009).
  • Das Exploration-Preparation-Implementation-Sustainment-Modell (EPIS) beschreibt vier zeitlich gegliederte Phasen, in denen Kommunikationsstrategien jeweils unterschiedliche Funktionen erfüllen – von der ersten Sondierung über die Entscheidung und aktive Einführung bis zur Verstetigung (Aarons, Hurlburt & Horwitz, 2011).

Beide Rahmen machen sichtbar, dass kommunikative Lösungen nur tragen, wenn sie in einen organisationalen Kontext eingebettet sind: dieselbe Formulierung erzielt in unterschiedlichen Settings unterschiedliche Wirkung. Das Schulz-von-Thun-Quadrat liefert die mikro-kommunikative Brille, CFIR und EPIS liefern den Rahmen, in dem diese Mikro-Ebene wirkt.

Praktische Umsetzung der Lösungsansätze

Zur praktischen Umsetzung der kommunikativen Lösungsansätze sind folgende Schritte und Konzepte relevant:

  1. Schulungen und Workshops zur Entwicklung eines gemeinsamen Verständnisses
  2. Etablierung interdisziplinärer Austauschformate
  3. Erarbeitung eines gemeinsamen Glossars zentraler Begriffe
  4. Stärkere Einbindung von Praktikern in den Forschungsprozess
  5. Entwicklung praxistauglicher Formate zur Aufbereitung wissenschaftlicher Erkenntnisse
  6. Etablierung systematischer Feedbackschleifen

Praxisbeispiel Communities That Care

Communities That Care (CTC) ist ein evidenzbasierter Ansatz zur kommunalen Prävention, der die Herausforderungen der Kommunikation über Evidenz gezielt adressiert. CTC zeichnet sich durch eine breite Stakeholder-Beteiligung und einen mehrstufigen Kommunikationsprozess aus. Von Beginn an werden verschiedene kommunale Akteure einbezogen, darunter Vertreter aus Verwaltung, Bildung, Gesundheitswesen, Polizei, Jugendarbeit und Zivilgesellschaft. Diese Vielfalt gewährleistet, dass unterschiedliche Perspektiven in den Präventionsprozess einfließen. Die Kommunikation erfolgt systematisch: Zunächst werden kommunale Schlüsselpersonen für evidenzbasierte Prävention sensibilisiert. Ein repräsentatives Gemeindeboard wird gebildet und intensiv geschult. Dieses Gremium interpretiert gemeinsam die Ergebnisse der CTC-Jugendumfrage, die Daten zu lokalen Risiko- und Schutzfaktoren liefert. Bei der Kommunikation dieser Daten werden alle Ebenen des Kommunikationsquadrats berücksichtigt:

  • Sachebene: Die Daten werden in verständlichen Grafiken aufbereitet und mit konkreten Handlungsempfehlungen verknüpft.
  • Selbstoffenbarungsebene: Lokale Akteure bringen ihr Praxiswissen in die Interpretation ein.
  • Beziehungsebene: Durch die gemeinsame Arbeit im Board entsteht Vertrauen zwischen den Akteuren.
  • Appellebene: Der Nutzen evidenzbasierter Programme für die gesamte Gemeinde wird betont.

CTC setzt verschiedene Kommunikationskanäle ein und bietet Schulungen in Kommunikationskompetenzen an. Regelmäßige Feedbackschleifen ermöglichen eine kontinuierliche Verbesserung der Kommunikationsstrategien. Durch diesen umfassenden Ansatz gelingt es CTC, eine gemeinsame Sprache für evidenzbasierte Prävention zu entwickeln und Akzeptanz für datenbasierte Entscheidungen zu schaffen.

Die Wirksamkeit ist gut dokumentiert: In einer cluster-randomisierten Studie mit 24 Kommunen in den USA zeigten CTC-Gemeinden acht Jahre nach Implementation reduzierte Risikofaktoren und geringere Raten problematischen Verhaltens bei Jugendlichen, darunter Substanzkonsum und Delinquenz (Hawkins, Oesterle, Brown et al., 2014). Eine Nutzen-Kosten-Analyse derselben Kohorte ergab ein günstiges Verhältnis bereits zur achten Klasse (Kuklinski, Briney, Hawkins & Catalano, 2012). Im deutschsprachigen Raum belegen Befunde aus einer Region in Niedersachsen, dass auch eine populationsweite Einführung evidenzbasierter Familienprogramme gerade Familien aus benachteiligten Lebenslagen erreichen kann – allerdings mit erheblichen Implementationsbarrieren (Frantz, Stemmler & Hahlweg, 2015).

Das Beispiel verdeutlicht, wie durch gezielte Kommunikationsstrategien die Herausforderungen bei der Implementation evidenzbasierter Ansätze adressiert werden können.

Schlussfolgerungen

Die Kommunikation über evidenzbasierte Ansätze in der Prävention und Gesundheitsförderung erfordert eine differenzierte Herangehensweise, die alle Ebenen des Kommunikationsquadrats berücksichtigt. Nur so können Fachkräfte und Zielgruppen für evidenzbasierte Maßnahmen gewonnen werden.

Die Umsetzung der vorgestellten kommunikativen Lösungsansätze erfordert Zeit, Ressourcen und den Willen aller Beteiligten. Der Aufwand lohnt sich jedoch, da nur durch eine evidenzbasierte Herangehensweise Prävention und Gesundheitsförderung ihr volles Potenzial entfalten können.

Für die Zukunft wird es wichtig sein, einen kontinuierlichen Lernprozess zu etablieren, die Aus- und Weiterbildung von Fachkräften im Bereich Kommunikationskompetenzen zu stärken und die Chancen digitaler Medien zu nutzen. Ziel ist es, eine Kultur der Evidenzbasierung zu etablieren, in der die kritische Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Erkenntnissen und praktischen Erfahrungen als Chance für Verbesserung und Innovation gesehen wird.

Die Verbesserung der Kommunikation über evidenzbasierte Ansätze ist nicht nur ein Mittel zum Zweck, sondern ein wesentlicher Bestandteil der Qualitätsentwicklung in Prävention und Gesundheitsförderung. Sie trägt dazu bei, dass wissenschaftliche Erkenntnisse in der Praxis ankommen und umgesetzt werden, und dass umgekehrt praktische Erfahrungen in die Forschung einfließen.

Die Herausforderung für die Zukunft wird darin bestehen, diese Kommunikationsstrategien kontinuierlich weiterzuentwickeln und an neue Erkenntnisse und sich verändernde gesellschaftliche Rahmenbedingungen anzupassen. Nur so kann sichergestellt werden, dass Prävention und Gesundheitsförderung auch in Zukunft einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der öffentlichen Gesundheit leisten können.

Literaturverzeichnis

Aarons, G. A., & Green, A. E. (2011). A comparison of policy and direct practice stakeholder perceptions of factors affecting evidence-based practice implementation using concept mapping. Implementation Science, 6, 104. https://doi.org/10.1186/1748-5908-6-104

Aarons, G. A., Hurlburt, M., & Horwitz, S. M. (2011). Advancing a conceptual model of evidence-based practice implementation in public service sectors. Administration and Policy in Mental Health and Mental Health Services Research, 38(1), 4–23. https://doi.org/10.1007/s10488-010-0327-7

Cooper, B. R., Bumbarger, B. K., & Moore, J. E. (2015). Sustaining evidence-based prevention programs: Correlates in a large-scale dissemination initiative. Prevention Science, 16(1), 145–157. https://doi.org/10.1007/s11121-013-0427-1

Damschroder, L. J., Aron, D. C., Keith, R. E., Kirsh, S. R., Alexander, J. A., & Lowery, J. C. (2009). Fostering implementation of health services research findings into practice: A consolidated framework for advancing implementation science. Implementation Science, 4, 50. https://doi.org/10.1186/1748-5908-4-50

De Bock, F., Dietrich, M., & Rehfuess, E. (2021). Evidenzbasierte Prävention und Gesundheitsförderung. Memorandum der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) (Reihe Forschung und Praxis der Gesundheitsförderung, Bd. 6). Köln: BZgA. https://doi.org/10.17623/bzga:2021-kon-de-1.0

Frantz, I., Stemmler, M., & Hahlweg, K. (2015). Experiences in disseminating evidence-based prevention programs in a real-world setting. Prevention Science, 16(6), 789–800. https://doi.org/10.1007/s11121-015-0554-y

Hawkins, J. D., Oesterle, S., Brown, E. C., Abbott, R. D., & Catalano, R. F. (2014). Youth problem behaviors 8 years after implementing the Communities That Care prevention system: A community-randomized trial. JAMA Pediatrics, 168(2), 122–129. https://doi.org/10.1001/jamapediatrics.2013.4009

Kuklinski, M. R., Briney, J. S., Hawkins, J. D., & Catalano, R. F. (2012). Cost-benefit analysis of Communities That Care outcomes at eighth grade. Prevention Science, 13(2), 150–161. https://doi.org/10.1007/s11121-011-0259-9

Pas, E. T., & Bradshaw, C. P. (2015). Dissemination of evidence-based prevention programs: The broad picture. In M. J. Prinstein & D. K. Ehrenreich-May (Hrsg.), Effective treatments for adolescent issues (S. 527–540). American Psychological Association. https://doi.org/10.1037/14550-030

Schulz von Thun, F. (2019). Miteinander reden 1: Störungen und Klärungen: Allgemeine Psychologie der Kommunikation (55. Aufl.). Rowohlt Taschenbuch Verlag.

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