Unter welchen Bedingungen?
Psychische Gesundheit und die Frage nach dem guten Aufwachsen
Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit
Eckdaten
- Datum Mittwoch, 14. Oktober 2026
11:00 bis 18:00 Uhr
Kalender-Eintrag herunterladen - Ort Marsilius-Kolleg, Universität Heidelberg
Anfahrt auf Google Maps - Format Präsenz
- Beitrag Kostenfrei
- Ansprechperson
Hintergrund
Die psychische Gesundheit junger Menschen ist zu einem der drängenden gesellschaftlichen Themen geworden. Bevölkerungsrepräsentative Untersuchungen wie die COPSY-Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, der DAK-Kinder- und Jugendreport und die Trendstudie „Jugend in Deutschland" zeigen seit Jahren erhöhte Belastungswerte, mit deutlichen Unterschieden nach Geschlecht und sozialer Lage. In Schulen und Hochschulen werden diese Zahlen alltäglich erlebbar; in der ambulanten Versorgung sind monatelange Wartezeiten auf einen Therapieplatz zur Normalität geworden.
Zugleich ist seit Jahrzehnten erforscht, was junge Menschen in ihrer Entwicklung stärkt. Die Resilienzforschung (Werner, Masten) zeigt die Bedeutung verlässlicher Bindungen und früher Bewältigungserfahrungen, die affektive Neurowissenschaft (Panksepp) die evolutionär tiefe Verankerung von Fürsorge und Spiel, die Salutogenese (Antonovsky) den Wert von Sinn- und Kohärenzerleben, die Präventionswissenschaft (Hawkins, Catalano) das Zusammenspiel von Schutzfaktoren in Familie, Schule und Gemeinde, die Sozialepidemiologie (Marmot) den Einfluss materieller und sozialer Teilhabe. Diese Forschungstraditionen geben jeweils einen Ausschnitt; gemeinsam verweisen sie auf einen Zusammenhang, der quer zu ihnen liegt: Was junge Menschen stärkt, entsteht zwischen Menschen und in Verhältnissen, die das ermöglichen.
Die Tagung „Unter welchen Bedingungen? Psychische Gesundheit und die Frage nach dem guten Aufwachsen" nimmt diese Doppelperspektive ernst. Sie fragt nach den persönlichen Bedingungen psychischer Gesundheit und nach den gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen Aufwachsen heute stattfindet.
Anlass ist der Abschluss von REBOUND 2.0. Das ursprüngliche REBOUND-Programm entstand zwischen 2010 und 2013 am Institut für Medizinische Psychologie der Universität Heidelberg unter Leitung von Dr. Henrik Jungaberle und Prof. Dr. Rolf Verres: ein evidenzbasiertes Schulprogramm zur Stärkung von Lebens- und Risikokompetenz. REBOUND 2.0 hat es aktualisiert und mit der Edition ReStudy in einem Aktionsforschungsansatz für die Hochschule adaptiert; die Evaluation lag bei Prof. Dr. Samuel Tomczyk an der Universität Greifswald.
Die Förderung durch das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit hatte einen konkreten Hintergrund: REBOUND hatte in der Evaluation einen Effekt auf die Cannabiskonsumprävalenz gezeigt. Aktualisiert und für die Hochschule adaptiert wurde es in einer Phase, in der Cannabis für Erwachsene legalisiert wurde, also in einem Moment, in dem der gesetzliche Rahmen selbst Gegenstand politischer Gestaltung war. Regulierung von psychotropen Substanzen ist Verhältnisprävention. Sie zeigt, dass der Rahmen verhandelbar ist, nicht naturgegeben. Verhaltensbezogene Prävention findet darin ihren Platz. Beides braucht das andere. Die Tagung fragt nach diesem Zusammenhang und weitet den Blick von Substanzkonsum als Form der Realitätsverarbeitung auf die größere Frage, unter welchen Bedingungen psychische Gesundheit heute gelingen kann, in Schule, Hochschule und Kommune.
Eingeladen sind alle, die mit jungen Menschen arbeiten, über sie forschen oder über die Bedingungen ihres Aufwachsens entscheiden: Lehrkräfte und Schulleitungen, Studierende und Wissenschaftler, Fachkräfte aus Jugendhilfe und Kommunalverwaltung, Mitarbeiter aus Hochschulen und Studierendenwerken, Vertreter aus Bildungs- und Gesundheitsverwaltung.
Wir freuen uns auf einen Tag, der Theorie und Praxis verbindet und Raum öffnet für die Frage, was sich am Subjekt verändern lässt und was an den Verhältnissen.
Programm
- 12:00–12:10Eröffnung
- 12:10–12:15Grußwort
- 12:15–13:00Vortrag
- 13:00–13:45Verkörperung, Entkörperung und psychische Gesundheit
- Ort
- Hörsaal
- Referent
- Prof. Dr. med. Dr. phil. Thomas Fuchs
Abstract
Der Vortrag untersucht den Zusammenhang zwischen der Zunahme psychischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen und einer gesellschaftlichen Tendenz zur Entkörperung, insbesondere durch digitale Medien. Ausgangspunkt ist das Konzept der verkörperten Kognition, wonach Denken, Lernen und Fühlen wesentlich auf leiblicher Erfahrung, Bewegung und zwischenmenschlicher Resonanz beruhen. Psychische Entwicklung entsteht demnach in direkter Interaktion mit anderen Menschen und der Umwelt.
Demgegenüber fördern Smartphones und soziale Medien zunehmend entkörperte Kommunikationsformen. Reale Begegnungen, gemeinsames Spiel und körperliche Aktivität werden durch Bildschirmkontakte ersetzt. Dies schwächt soziale Resonanz und begünstigt Isolation, sozialen Vergleich, emotionale Überforderung sowie suchtähnliche Nutzungsweisen. Studien zeigen Zusammenhänge zwischen intensiver Mediennutzung und Angst, Depression, Konzentrationsproblemen oder sozialem Rückzug.
Der Vortrag vertritt die These, dass psychische Gesundheit auf leiblicher Präsenz, realen Beziehungen und sinnlich-konkreter Welterfahrung beruht. Abschließend plädiert er für eine Pädagogik der Verkörperung mit mehr Bewegung, Naturerfahrung, persönlicher Begegnung und leiblich präsenten Lernformen.
- 13:45–14:00Fragen & Antworten
- 14:00–14:30Pause
- 14:30–14:50Vortrag
- 14:50–15:10Vortrag
- 15:10–15:20Fragen & Antworten
- 15:20–15:30Pause
- 15:30–17:00Parallel · zur Wahl
Seminarraum 1 Gesundheitsförderung in der KommuneSeminarraum 2 Gesundheitsförderung in der SchuleHörsaal Gesundheitsförderung in der Hochschule - 17:00–17:15Pause
- 17:15–17:30Erkenntnisse aus den Werkstätten
- 17:30–18:00Musikalischer Abschied
Neun Vortragende
- Maximilian von Heyden, M.Sc. Public HealthEröffnung
- Judith Coenenberg, Magister, Politische Wissenschaft, Staatsrecht, Medienwiss.Grußwort
Referat T 4 Suchtprävention, Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit
- Prof. Dr. phil. Karina Weichold, Dipl.-Psych.Vortrag
Vizepräsidentin für Studium und Lehre der Friedrich-Schiller-Universität Jena; Leitung Abteilung Jugendforschung, Institut für Psychologie
- Prof. Dr. med. Dr. phil. Thomas FuchsVortrag
Karl-Jaspers-Professor für Philosophische Grundlagen der Psychiatrie und Psychotherapie
- Patrick Wentorp, B.A. Philosophie – Neurowissenschaften – KognitionVortrag
- Prof. Dr. phil. Samuel Tomczyk, Dipl.-Psych.Vortrag
Direktor des Instituts für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie, Universitätsmedizin Rostock
- Prof. em. Dr. med. Rolf Verres, Dipl.-Psych.Musikalischer Beitrag
Emeritierter Professor für Medizinische Psychologie, Universitätsklinikum Heidelberg
- Katrin Hayn, Dipl. Sportwiss. (Rehabilitation/Prävention)Werkstatt
Wissenschaftliche Referentin FINDER Akademie
- Maram Salem, M.Sc. Public Health, B.Sc. Medizin und ChirurgieWerkstatt
Wissenschaftliche Referentin FINDER Akademie
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